Leben und Arbeiten auf der Africa Mercy in Westafrika

Leben und Arbeiten auf der Africa Mercy in Westafrika

Sonntag, 24. August 2008

Regen, Regen, Regen,...

Jetzt im August ist die Regenzeit am intensivsten. Seit ungefähr Ende Juni hat es kontinuierlich durchgeregnet - so wie daheim im November, nur bei etwas angenehmeren Temperaturen so um die 20 °C. In den letzten zwei Wochen kam die Sonne immer mal wieder für ein paar Stunden raus, aber dafür regnete es dann oft an den darauffolgenden Tagen umso heftiger.
Der konstante Niederschlag zu Beginn der Regenzeit hat einigen Schaden angerichtet (viele Straßen sind zerstört, viele Schlaglöcher schwemmen mehr und mehr aus und werden immer größer,....) doch der anhaltende Platzregen zerstört noch viel mehr. Er setzt z.B ganze Straßen und Häuser komplett unter Wasser,...


... und an einem Strand (CeCe Beach), nicht weit vom Schiff entfernt, kam es zu einem Dammbruch und die ganze Strandanlage ist zerstört. Dort wo früher kleine Sonnendächer, Liegestühle und das Generatorenhaus standen, fließt jetzt ein breiter Fluss.

Doch Ende August sollte die Trockenzeit beginnen, und mit ihr die Aufräum-, und Reparaturarbeiten.

Dienstag, 19. August 2008

Dr. Steve und Dr. Steve

So langsam entspannt sich die Lage hier in Monrovia. Es kam zu keinen größeren Auseinandersetzungen mehr - und wir hoffen sehr, dass sich die Situation endgültig beruhigt.

Trotzt allem negativen Gerede über Mercyships, und manchen nicht so tollen Erlebnissen in den letzten Wochen, gibt es auch noch Schönes zu berichten:
Anfang der Woche besuchte uns eine ehmalige Patientin.Sie wurde letztes Jahr erfolgreich an einer VVF operiert. Kurz darauf wurde sie schwanger und hat jetzt einen gesunden Sohn zu Welt gebracht! Hier in Afrika ist der Wert einer Frau davon abhängig, wie viele Kinder sie bekommt. Mit einer VVF kann man nicht schwanger werden - also werden diese Frauen als nutzlos angesehen. Es ist ein riesiger Durchbruch wenn eine Patientin nach einer VVF-Op ein Kind bekommt, denn dann wird sie wieder in ihre Familie und Dorfgemeinschaft aufgenommen.
Zur Ehren von Dr. Steve (dem VVF-Chirurgen) hat die Mutter ihr Kind nach ihm benannt. Dabei hat sie aber nicht so ganz verstanden, dass "Doktor" kein Name sondern ein Titel ist. Jetzt heißt der kleine Kerl mit Vornamen "Dr. Steve " :-)

Freitag, 15. August 2008

Gegenwind

Vor gut drei Wochen fand man hier in Monrovia und der näheren Umgebung einige Leichen mit entnommenen Organen. Seitdem kursieren Gerüchte dass wir von Mercyships unseren Patienten Organe entnehmen, die Patienten dann sterben lassen und die Organe teuer nach Amerika verkaufen. Als die Gerüchte aufkamen gab es viele Pressekonferenzen usw. um klarzustellen, dass wir so was nicht tun. Und wir hofften alle das sich die Gemüter beruhigen und die Gerüchte sich nicht weiterverbreiten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Letzte Woche wurden mehrere von unseren Landrovern auf der Straße mit Steinen beworfen, und auch viele der Übersetzern (Liberianer, die hier auf dem Schiff arbeiten) bekommen Probleme von Freunden und Verwandten die fordern, dass sie nicht länger für so eine schlimme Organisation wie Mercyships arbeiten sollen. Wenn wir zu Fuß in die Stadt gehen werden uns böse Dinge nachgerufen und die Stimmung spannt sich mehr und mehr an.
Heute morgen kam der Gesundheistminister von Liberia zu Besuch auf die AFM, gab hier eine Pressekonferenz, und sagte nochmals ganz deutlich, dass die Regierung und die UN nicht an die Gerüchte glauben und dass die Liberianer uns vertrauen können. In den letzten 2 Wochen sind leider sehr viele Patienten nicht zu ihren OP-Terminen erschienen.
Vermutlich wurden die Organe von Menschen aus so genannten "Geheimbünden" entnommen. Hier in Liberia gibt es sehr viele solcher "Geheimbünde". Sie beten spezielle Götter oder sogar Satan direkt an. Zu ihren Ritualen gehört es auch Organe zu opfern. V.a. während des Krieges wurden auf diesem Gebiet schlimme Verbrechen begangen - und auch heute noch bestehen diese "Organopferungsrituale". Diesen Geheimbünden sind wir als christliche Organisation ein Dorn im Auge und sie versuchen uns - momentan leider recht erfolgreich - zu schaden. Letztendlich schaden sie ihrem Land und ihren eigenen Leuten am meisten, denn die vielen Patienten die jetzt nicht kommen, können nicht später operiert werden da unsere OP-Pläne alle ziemlich voll sind.
Es ist sehr schade wenn man so Gegenwind bekommt und die dringend benötigte Hilfe nicht angenommen wird!

Dienstag, 5. August 2008

VVF-Screening

In Europa ist das Risiko für Frauen an einer Geburt zu sterben (laut WHO) 1:30 000. Hier in Westafrika ist es 1:12!!! (d.h. dass geschätzte 585 000 Frauen pro Jahr in Folge einer Schwangerschaft sterben). Wenn die Frauen die Geburt überleben bekommt jede 30. Frau, aufgrund von Geburtkomplikationen, eine VVF (Vesico-Vaginal- Fistula, eine Fistel zwischen Blase und Vagina). In Afrika leben geschätzte 2 Millionen Frauen mit dieser Erkrankung, und jährlich kommen 100 000 neu Erkrankte dazu.

Die Fisteln entstehen durch einen zu langen Geburtsverlauf (die Frauen haben bis zu 10 Tagen Wehen!!!), die Kinder stecken fest und drücken mit ihrem Kopf auf das Gewebe der Blasenwand. Diese wird dann nicht mehr durchblutet, stirbt ab und es bleibt ein Loch zurück. Die Folge davon ist dass diese Frauen inkontinent sind. Viele Männer verlassen daraufhin ihre Frauen, viele Familien und Dorfgemeinschaften schließen dieses Frauen aus und sie leben dann für sich in einer Hütte irgendwo im Busch. Es ist ein unglaubliches Leben was diese Frauen führen - wenn man es überhaupt Leben nennen kann, denn oft ist es eher ein dahinvegetieren. Viele Frauen sind vollkommen unterernährt und viele haben überhaupt kein Zeitgefühl mehr, da sie einfach in den Tag hineinleben, jeder Tag wie der andere aussieht, und es für sie keine Unterbrechung dieser stumpfen Routine gibt.

Gestern hatten wir ein Screening am Dock für diese Frauen, denn in den kommenden 6 Wochen werden wir 2 VVF-Chirugen hier an Bord haben. D.h. wir haben alle Frauen mit einer VVF, die in den letzten Wochen zum Schiff kamen da sie hörten das wir ihnen helfen können gesagt, sie sollen am 5 August zum Schiff kommen. Die Chirurgen haben diese Frauen dann gestern untersucht und geschaut, ob sie sie operieren können denn diese Art von OP ist sehr schwierig und auch nicht immer erfolgreich (d.h. manche Frauen werden auch nach der OP noch intkontinent sein, die Erfolgsrate liegt zwischen 88 - 93%)).

Gestern lernte ich bei diesem Screening Sia kennen. Sie lebt jetzt schon seit ungefähr 30 (!!!!!) Jahren alleine im Busch und war in dieser ganzen Zeit nicht mehr in Stadt oder sonst unter Menschen. Sie getraute sich kaum aufzuschauen oder ein Wort zu sagen. Sie war ca. 11 Jahre alt als sie verheiratet und bald darauf schwanger wurde. Sie ist eine schmächtige und zierliche Frau. Als Teenager war sie zu klein um ein normal entwickeltes Kind zu entbinden. Ihre Familie hat dieses Problem schon vorhergesehen und so haben sie Sia extra wenig zu essen gegeben während der Schwangerschaft, weil sie dachten das dann das Kind kleiner wird! Als es dann zur Geburt kam war nicht nur das relative Missverhältnis zwischen Mutter und Kind ein Problem, sondern auch das Sia total unterernährt und viel zu schwach war um bei der Entbindung aktiv mit zu helfen. Sie hatte 5 Tage Wehen, bis sie dann schließlich einen toter Junge geboren, und sie seitdem eine VVF hat.
Sie bekam einen OP-Termin für Ende August, und ich hoffe sehr das sie zu diesem Termin kommen wird und wir ihr dann helfen können!