In Europa ist das Risiko für Frauen an einer Geburt zu sterben (laut WHO) 1:30 000. Hier in Westafrika ist es 1:12!!! (d.h. dass geschätzte 585 000 Frauen pro Jahr in Folge einer Schwangerschaft sterben). Wenn die Frauen die Geburt überleben bekommt jede 30. Frau, aufgrund von Geburtkomplikationen, eine VVF (Vesico-Vaginal- Fistula, eine Fistel zwischen Blase und Vagina). In Afrika leben geschätzte 2 Millionen Frauen mit dieser Erkrankung, und jährlich kommen 100 000 neu Erkrankte dazu.
Die Fisteln entstehen durch einen zu langen Geburtsverlauf (die Frauen haben bis zu 10 Tagen Wehen!!!), die Kinder stecken fest und drücken mit ihrem Kopf auf das Gewebe der Blasenwand. Diese wird dann nicht mehr durchblutet, stirbt ab und es bleibt ein Loch zurück. Die Folge davon ist dass diese Frauen inkontinent sind. Viele Männer verlassen daraufhin ihre Frauen, viele Familien und Dorfgemeinschaften schließen dieses Frauen aus und sie leben dann für sich in einer Hütte irgendwo im Busch. Es ist ein unglaubliches Leben was diese Frauen führen - wenn man es überhaupt Leben nennen kann, denn oft ist es eher ein dahinvegetieren. Viele Frauen sind vollkommen unterernährt und viele haben überhaupt kein Zeitgefühl mehr, da sie einfach in den Tag hineinleben, jeder Tag wie der andere aussieht, und es für sie keine Unterbrechung dieser stumpfen Routine gibt.
Gestern hatten wir ein Screening am Dock für diese Frauen, denn in den kommenden 6 Wochen werden wir 2 VVF-Chirugen hier an Bord haben. D.h. wir haben alle Frauen mit einer VVF, die in den letzten Wochen zum Schiff kamen da sie hörten das wir ihnen helfen können gesagt, sie sollen am 5 August zum Schiff kommen. Die Chirurgen haben diese Frauen dann gestern untersucht und geschaut, ob sie sie operieren können denn diese Art von OP ist sehr schwierig und auch nicht immer erfolgreich (d.h. manche Frauen werden auch nach der OP noch intkontinent sein, die Erfolgsrate liegt zwischen 88 - 93%)).
Gestern lernte ich bei diesem Screening Sia kennen. Sie lebt jetzt schon seit ungefähr 30 (!!!!!) Jahren alleine im Busch und war in dieser ganzen Zeit nicht mehr in Stadt oder sonst unter Menschen. Sie getraute sich kaum aufzuschauen oder ein Wort zu sagen. Sie war ca. 11 Jahre alt als sie verheiratet und bald darauf schwanger wurde. Sie ist eine schmächtige und zierliche Frau. Als Teenager war sie zu klein um ein normal entwickeltes Kind zu entbinden. Ihre Familie hat dieses Problem schon vorhergesehen und so haben sie Sia extra wenig zu essen gegeben während der Schwangerschaft, weil sie dachten das dann das Kind kleiner wird! Als es dann zur Geburt kam war nicht nur das relative Missverhältnis zwischen Mutter und Kind ein Problem, sondern auch das Sia total unterernährt und viel zu schwach war um bei der Entbindung aktiv mit zu helfen. Sie hatte 5 Tage Wehen, bis sie dann schließlich einen toter Junge geboren, und sie seitdem eine VVF hat.
Sie bekam einen OP-Termin für Ende August, und ich hoffe sehr das sie zu diesem Termin kommen wird und wir ihr dann helfen können!
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